Geschichte

Was bleibt, ist Hoffnung.

Hoffnung

Es war einfach ungerecht. Das Leben war ungerecht. Schon wieder war alles hoffen und bangen umsonst gewesen.

Womit hatten sie das verdient? Sie waren gute Menschen. Bestimmt keine Heiligen, aber nicht schlechter als andere. Sie waren nett, sie arbeiteten hart für ihr Geld und sie liebten sich. Wirklich.

Alle ihre Ersparnisse waren mittlerweile drauf gegangen und immer noch gab es kein positives Ergebnis. Von überall droschen die Fragen auf sie ein: Wollt ihr nicht mal Eltern werden?  Sehnt ihr euch denn gar nicht nach einem Kind? Findet ihr es nicht egoistisch, euren Eltern keine Enkel zu schenken?

Und immer nur gezwungen lächeln und das Thema wechseln. Nie einfach zuschlagen und diesen Idioten ihre Überheblichkeit aus dem Gesicht wischen. Immer so tun, als wären einem diese Fragen egal. Als ob man keine Kinder wollte und glücklich sei, so zu zweit in diesem viel zu großen Haus.

Sie hatten es sich so schön vorgestellt. Erst die Heirat, dann zwei Jahre gemeinsam allein verbringen und dann Kinder. Die zwei Jahre als frisch verheiratetes Paar waren traumhaft. Sie hatten dieses große Haus gekauft, es renoviert und sich vorgestellt, wie in ein paar Jahren ihre drei Kinder gemeinsam im Wohnzimmer spielen würden. Sie waren ans andere Ende der Welt geflogen und hatten Urlaube gemacht, die man so nur ohne Kinder machen konnte.

Sie hatten alles vorbereitet. Alles abgehakt, was sie erleben wollten, bevor sie sesshaft wurden.

Jetzt saßen sie Abend für Abend zu zweit in dem schrecklich stillen Wohnzimmer, gingen vorbei an den verschlossenen Türen der als Kinderzimmer geplanten Räume und hatten Sex nach Terminplan.

Der erste Arztbesuch nach einem Jahr war eine Erleichterung. Alles war gut. Sie waren beide gesund und es sprach nichts dagegen, dass sie bald Eltern werden würden. Sie hatten wohl bisher einfach ein schlechtes Timing. Die Hoffnung war stark. Sie strahlte sie regelrecht an und den Abend feierten sie. Gemeinsam. Schmiedeten Pläne und kauften Tests im Internet, mit denen die fruchtbaren Phasen bestimmt werden konnten. Der Sex war großartig und sie waren sich nach jedem Mal sicher, dass es jetzt geklappt hatte.

Nach einem weiteren Jahr guckte der Arzt schon etwas ratloser. Untersuchte sie wieder, stellte wieder nichts fest und verschrieb als Unterstützung Vitamine… Die Hoffnung war immer noch stark, sie liebten sich und was sollte ihnen schon passieren. Mehr Sex, zur Sicherheit. Es gab schlimmeres im Leben.

Im dritten Jahr begannen die Fruchtbarkeitsbehandlungen. Spritzen und Spritzen und noch mehr Spritzen. Es war grausam. Er wollte nicht, aber er musste ihr helfen. Er konnte sie damit nicht allein lassen. Überraschenderweise gab es ein zu viel an Sex. Ein Punkt, an dem es einfach keinen Spaß mehr machte. Vielleicht lag es auch nur daran, dass sie nie mehr Sex um des Sex willens hatten. Sex war Mittel zum Zweck. Nur, dass sie diesen Zweck nicht erreichten.

Im vierten Jahr dann die freudige Nachricht. Schwanger! Jetzt war alles gut. Endlich würde sich ihr Traum erfüllen. Sie konnten Eltern werden, konnten das Haus mit Leben füllen. Sie hatten sich nur zu viel Stress gemacht, sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt. Jetzt konnten sie entspannen.

Fehlgeburt.

Was für ein Wort. Es beschrieb nicht mal ansatzweise, was eigentlich passiert war. Alles war vorbei. Er wollte aufgeben, wollte aufhören. Sich einen Hund kaufen und versuchen ein Leben zu zweit zu führen.

Sie schöpfte Hoffnung, sagte, sie hätten es schon einmal geschafft, sie würden es wieder schaffen. Sie konnten Eltern werden, sie waren dieses Mal weiter gekommen, als all die Male davor.

Sie war verrückt, sie gab nie auf. Er liebte sie dafür. Vielleicht gab es diesen Hoffnungsschimmer ja wirklich. Vielleicht war es wirklich das Zeichen für sie gewesen, dass sie es schaffen konnten.

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