Gedanke

Bundestagswahl 2017: Wie entscheiden, wen wählen?

Bundestagswahl Entscheidung

Letzte Überarbeitung am 30. August 2017

Wie im letzten Artikel schon geschrieben, ist es sehr wichtig überhaupt zur Wahl zu gehen. Aber das ist nur die erste Entscheidung, die zweite Entscheidung ist die eigentlich schwierige:

Wen soll ich wählen?

Denn wenn man sich schon an einem Sonntag aus dem Haus begibt (oder Briefwahlunterlagen anfordert), dann soll es sich ja auch lohnen und was bringen. Das kann es aber nur, wenn man sich vorher sicher ist, wo man seine zwei Kreuze machen will.

Ich werde euch hier nicht sagen, wen ihr wählen sollt, aber ich werde einen Leitfaden in 4 Schritten an die Hand geben, damit ihr diese Entscheidung alleine treffen könnt und dabei so gut informiert seid, wie es nur geht. Allerdings: Eine fundierte Wahlentscheidung kostet etwas Zeit, gerade, wenn man sich ansonsten gar nicht für Politik interessiert. Aber glaubt mir, es kann sogar Spaß machen. Denn manche Parteien überraschen einen immer wieder mit der Unsinnigkeit ihrer Forderungen.

Zu entscheiden, wen man wählt, ist gar nicht schwer, wenn man weiß wie. 4 Schritte sind für eine fundierte Wahlentscheidung nötig.

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Schritt 1: Was sind meine Überzeugungen?

Als aller erstes muss man sich überlegen, was einem eigentlich wichtig ist. Welche Werte hat man, welche Überzeugungen?

Denn darum geht es letztendlich bei Wahlen: Jemanden zu finden, der die eigenen Interessen und Überzeugungen vertritt und dafür sorgt, dass man in einem Land lebt, in dem man auch leben will.

Auch, wenn ich sonst kein Fan von Mind Maps bin, in diesem Fall bietet es sich wirklich an. Nehmt euch ein leeres Blatt Papier und schreibt alles auf, was euch einfällt. Lasst dabei nichts aus, weil ihr glaubt, dass es nicht politisch sei. Alles ist politisch.

Ein Beispiel: Familie ist euch wichtig? Das führt zu der Frage, ob euch Ehe wichtig ist oder für eine Familie unbedeutend? Und wie sieht es mit gleichgeschlechtlicher Ehe aus? Wie ist es mit Steuervorteilen durch die Ehe: Gerecht oder ungerecht? Oder nur, wenn es Kinder in der Ehe gibt? Und wie ist es mit Kindern von nicht verheiraten Paaren, sollen da Steuervorteile greifen? Und wenn diese Paare sich trennen/scheiden, wie ist es mit Unterhaltsregelungen? Wie sollte die Kinderbetreuung geregelt sein? Vom Staat oder Privat?

Liebe ist euch nicht wichtig, ihr findet Freundschaft viel bedeutender? Wie sieht es aus, wenn ihr mal einen Unfall habt und eure Freunde keine Auskunft bekommen, weil sie keine Angehörigen sind? Wünscht ihr euch da eine andere Lösung? Und im schlimmsten Fall: Ihr sterbt und wollt alles an Freunde vererben. Wie sind da die gesetzlichen Regelungen und findet ihr sie gut?

Diese Gedankenketten ergeben sich für alle Themen und im Endeffekt landet man ganz oft bei Grundsatzentscheidungen. Hinterher weiß man im besten Fall, was einem wichtig ist und wie man sich das Zusammenleben in einer Gesellschaft, in einem Staat, vorstellt.

Schritt 2: Welche Parteien teilen diese Überzeugungen?

Diese Überzeugungen vergleicht man nun mit den Einstellungen der Parteien zu diesen Themen. Doch wie findet man heraus, welche Partei für was steht?

Jede Partei hat ein Wahlprogramm. Da steht mehr oder weniger klar drin, was ihre Pläne für die nächste Legislaturperiode und darüber hinaus sind. So ein Wahlprogramm ist aber nichts, was sich die meisten Menschen gemütlich auf dem Sofa durchlesen. Wer es doch tun möchte: Zu finden sind die Wahlprogramme jeweils auf den Internetseiten der Parteien.

Wer nicht bis ins Detail einsteigen möchte, sondern erstmal ein Gefühl dafür bekommen möchte, welche Partei wofür steht, der wird im Internet schnell fündig. Empfehlen kann ich beispielsweise diese Übersicht (dort sind auch die Parteiprogramme verlinkt, wenn man dann doch noch mehr wissen möchte).

Außerdem macht es die Technik mittlerweile möglich, dass es Tests gibt, die einem anzeigen, mit welcher Partei man die größte Übereinstimmung hat.

Diese Tests fragen Schritt 1 ab und erledigen Schritt 2 für einen. Sehr praktisch, aber nicht unfehlbar. Ich empfehle sie nur als Tendenz zu sehen, welche Parteien man sich genauer ansehen sollte und welche gar nicht in Frage kommen. Denn: Die eine Partei, die perfekt passt, gibt es nicht. Daher ist Schritt 3 wichtig.

Wer sich schon vorweg informieren will, welche Parteien in seinem Bundesland zur Wahl stehen, kann das hier auf wahlrecht.de tun.

Schritt 3: Wo bin ich bereit Kompromisse einzugehen?

Die Themen, die man in Schritt 1 gesammelt hat, bringt man am besten in eine Reihenfolge. Was ist besonders wichtig, was ist vernachlässigbar, wenn dafür etwas wichtigeres erfüllt wird? 

Die in Schritt 2 genannten Tests versuchen das auch schon zu berücksichtigen und vielleicht wird man durch die Tests ja auch erst auf Themen aufmerksam, die man vorher gar nicht auf dem Zettel hatte.

Wenn einem kostenlose Kinderbetreuung wichtig ist, aber die eigenen Kinder schon groß sind, dann ist einem diese Überzeugung vielleicht nicht mehr so wichtig, wie der Einsatz gegen Atomkraft. Oder man ist eigentlich für die Frauenquote, aber der Schuldenabbau ist einem noch wichtiger. Oder oder oder …

Ihr solltet abwägen, wo und wie ihr bereit seid Kompromisse einzugehen um ein zufriedenstellendes Gesamtkonzept zu erhalten.

Schritt 4: Wer ist mir sympathisch?

Und zum Schluss stellt sich die Frage: Welche Menschen stehen eigentlich zur Wahl?

Mit der Zweitstimme macht ihr zwar ein Kreuz für eine Partei, aber diese Partei hat sicherlich ihre/n Spitzenkandidaten/in aufgestellt. Also die Person, die ganz oben auf der Liste steht und Bundeskanzler/in werden soll. Ist euch dieser Mensch sympatisch? Könnt ihr euch ihn/sie als Führung der Regierung vorstellen?

Manchmal stimmt man mit dem Programm einer Partei überein, aber der Mensch an der Spitze sagt einem so gar nicht zu. Dann muss man überlegen, was Alternativen wären. Lieber eine andere Partei wählen? Oder ist es sowieso so unwahrscheinlich, dass die Partei an der Regierungsbildung maßgeblich beteiligt sein wird, so, dass gar keine Chance besteht, dass der unsympathische Mensch die Führung übernimmt?

Bei Abgabe der Erststimme sind die Sympathieüberlegungen noch direkter. Denn hier wird für den Menschen/Politiker die Stimme abgegeben, nicht für die Partei.

Manch einen mögen diese Überlegungen kindisch und unnötig vorkommen, aber ich finde sie wichtig und wollte sie deswegen hier auch nennen. Politiker sind Menschen. Politik wird von Menschen gemacht. Parteiprogramme sind bedrucktes Papier, mehr nicht. Sie sind nicht verpflichtend oder bindend. Eine Partei kann immer nur so gut sein, wie die Menschen in ihr. Wenn diese Menschen einem von Grund auf unsympathisch oder bekannt dafür sind, gegen das Parteiprogramm zu handeln, dann ist der Faktor Mensch ein wichtiger Punkt bei der Entscheidungsfindung.

Allgemeine Anmerkungen

Wenn ihr diese vier Schritte „abgearbeitet“ habt, solltet ihr jetzt wissen, wie eure Wahl am 24. September ausfallen wird.

Einige Punkte gibt es aber noch zu bedenken: Die Zukunft ist immer Ungewiss. Man kann nicht wissen, welchen Einfluss die eigene Wahl im Endeffekt hat. Ob es das Zünglein an der Waage ist oder in der Masse der Stimmen untergeht. Wählen sollte man trotzdem, so oder so. Da man es vorher nicht wissen kann. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass schon genügend andere Menschen im eigenen Sinne wählen werden. Was ist, wenn die genau so denken und keiner zur Wahl geht? Dann gewinnt die Partei, die am ehesten ihre Wähler mobilisieren kann. Und das sind leider meist die extremen Parteien, nicht die, die die Meinung der Mehrheit wirklich vertreten.

Außerdem gebe ich zu bedenken: Nicht jedes Parteiprogramm wird 1 zu 1 umgesetzt und Realität. In Deutschland gibt es immer eine Opposition und meist ist sie stark genug um so manche Entscheidung zu blockieren, wenn sie es will. Oder eigene Punkte umzusetzen. Demokratie ist ein ständiger Aushandelsprozess. Auch, und gerade, zwischen den Parteien. Mit der Wahl gibt man nur seine Stimme ab, welchen Weg man sich vorstellt für die Zukunft unseres Staates. Wie es dann wirklich kommt, weiß man nicht.

Der Ausstieg aus der Atomkraft oder die Ehe für alle beispielsweise waren Entscheidungen, die so eigentlich nicht angedacht waren von der Regierung. Aber die Umstände haben es erfordert, dass gehandelt wurde. So etwas kann jederzeit wieder passieren. Bei jedem Thema.

Demokratie beginnt und endet nicht mit der Wahl. Die Wahl ist eine Möglichkeit seine Stimme zu zeigen. In meinen Augen die einfachste. Wer sich wirklich für etwas einsetzen will, wem etwas sehr, sehr wichtig ist, der hat in der Demokratie die Möglichkeit gehört zu werden. Auch, wenn keine Wahlen sind.


Ich hoffe, ich konnte dir helfen zu entscheiden, wen du wählen wirst. Wenn noch Fragen offen sind, gerne in den Kommentaren stellen und ich beantworte sie, so gut es mir möglich ist.

Wirst du wählen gehen? Weißt du schon wen (du musst natürlich nicht sagen wen, aber vielleicht, ob du immer gleich wählst oder jede Wahl neu entscheidest)?

7 Kommentare

  • Das ist eine super Zusammenfassung – und mir steht es auch noch bevor, das Schritt für Schritt durchzugehen. Bis vor Kurzem habe ich mich recht sicher in meiner Entscheidung gefühlt, aber spätestens seitdem sämtliche Parteien die Ereignisse rund um G20 hysterisch in ihren Wahlkampf schmeißen, wackelt da einiges. Also: Nochmal von vorne anfangen.

    Klar, wie du schon schreibst: Perfekt ist die Entscheidung nie, aber ich möchte mich trotzdem mit ihr wohlfühlen. Oberflächlich geht das schon ganz gut nach Ausschlussprinzip: „Partei A will XYZ? Is nich, wird nich gewählt“, „Partei B will ZYX nicht? Nö, dann will ich die auch nicht wählen“ – aber sich einfach nur mit dem kleineren Übel abzufinden, finde ich eben auch nicht so gut.

    Liebe Grüße
    Maren

    • Moin Maren,
      danke 🙂
      Du hast recht, sich mit dem kleineren Übel abzufinden ist keine gute Lösung. Aber glücklicherweise gibt es ja viele kleine spezialisierte Parteien. Und auch, wenn sie die 5% Hürde wahrscheinlich nicht knacken werden, setzt man mit der Wahl immerhin ein viel deutlicheres Zeichen was man will, als wenn man einfach nicht wählt.
      Daher bin ich ziemlich sicher, dass du schon das passende für dich finden wirst. Noch ist ja ausreichend Zeit.

      LG Lexa

  • Danke für den tollen Post!
    Allerdings ist dieser Punkt „Nicht jedes Parteiprogramm wird 1 zu 1 umgesetzt und Realität“ leider wirklich wahr und fast das Hauptproblem, meiner Meinung. Kennst du den Spruch von Bismarck: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“. Ich kann leider nur einschätzen, ob sich eine Partei wenigstens ungefähr an ihre Versprechen hält, wenn ich Politik schon länger verfolge oder überhaupt geschichtlich gebildet bin. Und das bin ich leider null! 🙁
    Deswegen muss ich fast blind wählen 🙁
    lg
    Esra

    • Moin Esra,

      dann ist DeinWal genau richtig für dich (findest du oben verlinkt unter Punkt 2). Da wird nämlich nicht das Parteiprogramm als Grundlage genommen, sondern die tatsächlichen Entscheidungen aus der letzten Legislaturperiode. Wer hat bei welcher Entscheidung wie abgestimmt? – da findest du die Antworten.

      Und das Ergebnis kannst du dann ja als Grundlage nehmen, um dich mit einer oder zwei Parteien ein weniger näher zu befassen. Schon wählst du nicht mehr blind, sondern bist viel besser informiert als die Mehrheit der Wähler 😉
      LG Lexa

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