Geschichte

Hörst du die Freiheit rufen?

Ideenbild September 2016

Er verstand mich einfach nicht. Oder er wollte mich nicht verstehen. Das würde ich ihm auch zutrauen. Eingeengt saß er da. Mit sturem Blick. Er saß schon immer auf diesem Sessel. Er würde auch weiterhin auf diesem Sessel sitzen. Es war ihm egal, dass er zu schwer geworden war. Seine Körpermasse war immer mehr geworden in den letzten Jahren. Besonders seit Mutti unter der Erde war. Nur noch Fertiggerichte und Chips und Bier. Immer mehr. Jeden Tag. In den Sessel passte er so kaum noch. So eingeengt, wie er saß, so eingeengt war auch sein denken.

Ein Spinner und Träumer sei ich. Zu nichts zu gebrauchen. Könne nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen. Ha! Er konnte wahrscheinlich nicht mal mehr aufstehen. Oder doch, sonst würde er sich nicht das nächste Bier holen können.

Warum dachte ich darüber nach? Konnte es mir nicht egal sein? Ich war 52 Jahre alt. Ich brauchte seine Erlaubnis nicht. Ich konnte über mein eigenes Leben bestimmen. Ich führte mein eigenes Leben. Und doch saß ich hier. Auf der eingestaubten Couch und erzählte ihm von meinen Plänen. Hoffte auf die Erlaubnis, auf Verständnis und auf ein Zeichen der Anerkennung.

Ich wollte nicht so werden wie er. Klar, ich hätte es schlimmer treffen können nach dem Tod meines Vaters. Er war ein guter Stiefvater gewesen. Hatte mich und Mutti gut versorgt. Hatte sich um uns gekümmert. War da gewesen, wenn man ihn brauchte. Aber er war auch er. Er war so, wie er war. Nicht anders. Niemals anders. Seine Welt, seine Regeln. Seine Weltvorstellung. Etwas anderes gab es nicht. Und wenn es doch etwas anderes gab, dann war es falsch.

Ich wusste das, aber ich gab die Hoffnung nicht auf. Irgendwo in diesem großen alten Mann musste es doch ein Fünkchen Weltoffenheit geben. Man konnte doch nicht den ganzen Tag fernsehen und nie die Nachrichten erwischen. Er musste doch wissen, wie sich die Welt außerhalb seiner Welt gewandelt hatte in den letzten Jahren. Auch er musste mitbekommen haben, dass es keine Sicherheit mehr gab. Es gab keine Arbeit mehr, die sicher war. Es gab keine Beziehungen mehr, die ehrlich waren. All das, was sein Leben ausgemacht hatte, war weg. Familienwerte waren geopfert worden und Geld regierte die Welt.

Frei war nur der, der ausstieg. Wer mitmachte, der musste mitspielen. Wer erfolgreich spielte, baute sich sein eigenes Gefängnis.

Mein Gefängnis war schön. Viel Mühe und Arbeit hatte ich in es gesteckt. Meine Wohnung war exquisit eingerichtet, meine Frau machte sich gut auf Empfängen und meine Kinder gingen auf die beste Schule. Es war das perfekte Leben. Ich hatte alle Level mit fünf Sternen beendet. Theoretisch musste ich nur so weitermachen und würde als Vorbild sterben.

Aber, ich hörte die Freiheit rufen.

Erst machte es mir Angst. Die Träume, in denen ich als Fisch im Meer schwamm oder als Vogel Berge überflog ließen mich schweißgebadet aufwachen. Solche Gedanken waren Verboten. Wenn ich ärmer gewesen wäre, hätten sie mich in echte Schwierigkeiten gebracht. So konnte ich meine Träume und Gedanken schützen und sie wurden nicht aufgezeichnet. Aber Angst machten sie mir trotzdem. Ich konnte niemanden davon erzählen, jeder hätte mich verraten.

Nur er nicht. Er verstand mich zwar nicht, aber er schwieg. Für ihn waren Geheimnisse innerhalb einer Familie noch Geheimnisse.

Je mehr ich ihm erzählte, desto geringer wurde die Angst. Meine Träume gingen weiter. Ich schwamm und flog immer weiter. Sah immer mehr.

Und jetzt saß ich hier und erzählte ihm von der Zukunft. Erzählte ihm, was ich alles vorbereitet hatte. Welche Eventualitäten ich alles bedacht hatte. Wie genau ich meinen angeblichen Tod geplant hatte, und wer schuld sein würde. Er reagierte nicht. Kein Wort des Lobes für meine Arbeit. Nichts.

Mein Vorhaben existierte in seiner Welt nicht, also war es nicht echt.

Trauer und Wut. Enttäuschung. Ich empfand viel. Am größten war die Erleichterung. Wenn es in seiner Welt nicht existierte, dann würde er es auch nicht erzählen. Meine Freiheit war sicher, ich konnte mir des Geheimnisses sicher sein ohne ihn umzubringen. Es erstaunte mich, wie sehr es mich erleichterte. Die alten Werte schienen doch noch in mir zu existieren.

Ich ging, ohne Verabschiedung. Die Freiheit rief mich. In zehn Stunden würde ich offiziell sterben. Bis dahin wollte ich schon einige Seemeilen gesegelt sein.


Dies ist mein Beitrag zum #Ideenbild im September. Mache doch auch mit, Informationen findest du hier.

2 Kommentare

  • Huhu Lexa,

    zwei Wörter: sehr cool! 😀
    Ich finde deine Geschichte unheimlich gut gelungen. Am Anfang hätte ich nicht erwartet, dass es auf so eine Entwicklung heraus läuft. Wirklich super!
    Auch dein Schreibstil gefällt mir. Die kurzen Sätze passen zum Inhalt und machen ihn greifbar.

    Zwei große Daumen nach oben 😀

    Liebe Grüße
    Sas

    • Huhu 🙂
      Wenn ich ehrlich bin, hatte ich am Anfang auch noch keine Idee, worauf es hinausläuft. Ich hatte nur das Wort „Freiheit“ im Kopf bei dem Bild und war dann selbst überrascht, was meine Finger im Endeffekt getippt haben.
      Danke für das liebe Kompliment.
      LG Lexa

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