Gedanke

Gott hat hohe Nebenkosten

gott nebenkosten

Heute würde ich gerne mal ein etwas heikleres Thema ansprechen. Die Kirche.

Ich habe vorgestern die folgende Dokumentation gesehen:
Gott hat hohe Nebenkosten – Wer wirklich für die Kirche zahlt

Ich weiß, 43 Minuten sind ein bisschen lang um die jetzt einfach mal so zu sehen. Deswegen schreibe ich jetzt etwas dazu und wenn ihr dann Zeit habt und es euch interessiert könnt ihr es euch ja noch ansehen.

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Heikel ist das Thema aus meiner Sicht deshalb, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele Gläubige sich schnell persönlich angegriffen fühlen, wenn man etwas gegen die Institution der Kirche sagt. Deswegen möchte ich vorweg klarstellen, dass ich jeden Glauben akzeptiere und respektiere.
Wenn jemand sich gut dabei fühlt in die Kirche zu gehen, an Gottesdiensten teilzunehmen und wenn er oder sie an einen Gott glaubt, dann kann und will ich das nicht verurteilen oder mich gar dadrüber lustig machen. Wie ich es leider schon mehrmals von anderen erlebt habe.
Glauben ist etwas privates. Etwas, das vielen Menschen hilft und sie stärkt. Bei EmKa habe ich dazu letztens einen Beitrag zu Glauben und Gemeinschaft gelesen, der mir nochmal gezeigt hat, dass die Glaubensgemeinschaft einen Auffangen kann. Genauso wenig ist es aber aus meiner Sicht von Gläubigen richtig zu versuchen jemanden der klipp und klar sagt, dass er nicht gläubig im Sinne von religiös ist und auch keinerlei Ambitionen in die Richtung hat versuchen zu „bekehren“.
Ich wage mal einen Vergleich: „Religiös sein ist in der Sicht wie vegan sein.
Es ist gut und verständlich wenn man es ist und man darf natürlich auch dadrüber reden, aber man darf nicht anfangen seine gesamte Umwelt zu bekehren und beleidigt sein, wenn nicht alle mitmachen.
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Gut, jetzt aber zum eigentlichem Thema.
Wart ihr vielleicht in einem kirchlichem Kindergarten? Habt ihr schon von der Caritas gehört? Gibt es bei euch in der Nähe ein kirchliches Krankenhaus?

Wart ihr bis jetzt immer der Meinung, dass es ganz schön nett von der Kirche ist sich so für das Wohl der Bevölkerung einzusetzen und solche Einrichtungen zu betreiben?

Dann muss ich euch leider enttäuschen. Diese Einrichtungen werden zwar von der Kirche betrieben, aber bis zu 100% vom Staat finanziert. Also im Endeffekt von den Bürgern durch Steuergelder.

Die Kirche ist, nach dem Staat, der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Die Krux an der Sache ist die: Für kirchliche Angestellte gelten nicht die allgemeinen Arbeitsgesetze. Sogar der Artikel 3 des Grundgesetzes wird außer Kraft gesetzt. Zur Erinnerung:

Artikel 3, Absatz 3

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Einstellungen in kirchlichen Einrichtungen, die durch Steuergelder finanziert werden, geschehen aber strikt nach Glauben. Kein Kirchenmitglied (auf die richtige Kirche kommt es dann auch noch an!), keine Einstellung. 
Für Pfarrer, Seelsorger und andere „Glaubensarbeiter“ ist das völlig nachvollziehbar. Aber auch für die Küchenkraft im Altersheim? Oder die Krankenschwester im Krankenhaus?
In der Dokumentation geht es zum Beispiel um eine Erzieherin in einem katholischem Kindergarten der gekündigt wurde, weil sie sich Scheiden ließ und mit einem neuem Lebenspartner zusammenzog. Die Art der Kündigung setzt dem ganzen nochmal die Krone auf, aber das ist wohl eher auf menschliches Versagen seitens des Pfarrers zurückzuführen als auf die Institution Kirche. 

Rein theoretisch herrscht in Deutschland die Trennung von Staat und Kirche!
Aber auch nur theoretisch.

Versteht mich nicht falsch, christliche Glaubenssätze wie Nächstenliebe sind tolle Grundwerte und sollten jedem Kind vermittelt werden, aber das kann doch eine geschiedene Erzieherin genauso gut wie eine Verheiratete. Das kann man sogar vermitteln ohne christlich zu sein. Jeder Moslem oder Buddhist kann die gleichen Werte besitzen und diese an Kinder weitergeben.
Meine Meinung.

Im Endeffekt ist es aber (wie immer) eine Frage des Geldes.
Die Kommunen sparen, wenn die Kirche diese Einrichtungen betreibt, da die Kirche höher vom Bund subventioniert wird als die Kommune. Ist das nicht ein Witz?

Ihr seht, es muss sich also noch einiges in Deutschland tun, damit alle gleich behandelt werden und die Trennung von Statt und Kirche wirklich vorhanden ist. Ich weiß nicht, ob ich diesen Zustand noch erleben werde, aber ich wünsche es mir.

Ich hoffe, ich konnte euch ein bisschen für das Thema interessieren. Mehr Infos zu der Dokumentation findet ihr auf der Seite von 3sat: http://www.3sat.de/GotthathoheNebenkosten
Ein passendes Buch gibt es auch: Gott hat hohe Nebenkosten: Wer wirklich für die Kirchen zahlt*

Noch ein Wort zu der Dokumentation: Man merkt man beim Sehen deutlich, welches Bild vermittelt werden soll. Die Art der Darstellung ist nicht objektiv. Aber trotzdem werden nur reine Fakten wiedergegeben und mit ein bisschen gesundem Menschenverstand kann man diese erfahren ohne sich von den eingesetzten Stilmitteln beeinflussen zu lassen. Aber vielleicht hatte ja auch nur ich beim Sehen diesen Eindruck und jemand mit einem anderem kirchlichem Hintergrund sieht in der Dokumentation eine Streitschrift für die Kirche. Ich lasse mich gerne überraschen, wie ihr die Darstellung wahrnehmt. Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

Ich weiß, ich habe euch hier keine umfassenden Informationen geliefert, aber alles vorgekaut bekommen ist doch auch langweilig. 😉 Versteht diesen Text an Denkanreiz eure Umgebung nicht als gegeben hinzunehmen sondern zu hinterfragen. Manche Sonntage sind dazu da mehr zu tun als nur rumzugammeln, man kann an ihnen wunderbar die freie Zeit nutzen und sich genauer über ein Thema informieren. Wenn es einen denn interessiert.

17 Kommentare

  • Mich hat das Thema auch schon beschäftigt 😉 Ich bin nicht gläubig, aber getauft und konfirmiert. Mittlerweile würde ich die Kirche gern verlassen, da ich aber einen therapeutischen Beruf lerne muss ich damit rechnen später eventuell in einer kirchlichen Einrichtung zu arbeiten. Also bleib ich für’s erste drin im Verein, denn es scheint egal zu sein welche Qualifikationen ich mitbringe, hauptsache auf einem Wisch steht dass ich in der Kirche bin. Jeder soll glauben was er will, aber das ist ein privates Ding und sollte keine Auswirkungen auf mein Arbeitsleben und meine Chancen im Beruf haben. Mal sehen ob sich da jemals was dran ändern wird…

    • Ja, das ist der ungeheuerliche Punkt. Das so etwas privates wie der eigene Glaube so öffentliche Auswirkungen hat und als Kriterium über die Qualifikation gestellt wird.

  • Damit durfte ich auch schon Erfahrungen machen. Ich hab mit 19 meinen Ausbildungsplatz verloren, weil ich mich geweigert habe, mich taufen zu lassen. Man hatte mich erst eingestellt mit der Option, dass ich die Ausbildung machen kann und mich danach entscheide, ob ich mich taufen lasse, um übernommen zu werden. Nach drei Monaten haben sie mir nahe gelegt, einen Taufkurs zu belegen und haben mein Zögern mit Beendigung meiner Probezeit quittiert. Evangelisches Krankenhaus.
    Nicht, dass ich traurig darüber bin…ich hab mich da eh nie wohlgefühlt…ist alles ein bisschen zu christlich gewesen, mit Schwesternwohnheim, Häubchen und verpflichtenden Gottesdiensten und so…ziemlich abartig. Leider war ich damals noch nicht selbstbewusst und erwachsen genug, denen zu sagen, wie pervers das ist.
    Die hatten sogar ein Mädchen rausgeworfen, weil sie sich gegen ihr Baby und für die Ausbildung entschieden hatte. Statt ihr beizustehen, haben sie sie unter Druck gesetzt und ihr noch ein schlechtes Gewissen gemacht…
    Ich persönlich kann Religion im Allgemeinen nichts mehr abgewinnen…

    • Das hat nicht nur mit der Erfahrung zu tun^^ Ich war 11 Jahre an einer evangelischen Privatschule…was da abgeht, ist unbeschreiblich 😀 Das würde mir keiner glauben

    • Aber das wäre mal sehr interessant. Vielleicht hast du ja mal irgendwann Zeit und Lust einen Teil davon für uns aufzuschreiben. Ich für meinen Teil würde es gerne lesen, weil ich mir das nicht so wirklich vorstellen kann. Ich war nur in einem kirchlichem Kindergarten, aber abgesehen vom Krippenspiel zu Weihnachten war da nichts religiöses dran 😉

    • Oh ja, das würde mich allerdings auch interessieren. Stehe der ganzen Einrichtung ohnehin sehr kritisch gegenüber, also immer her mit den Gruselgeschichten 😉

    • Voll krass. Mich würde das auch interessieren!!! Iwie bestätigt das wieder, was eine meine – gläubigen – Freundinnen immer wieder betont: Die wenigsten sich so nennende Christen, handeln auch wie selbige.
      Ich habe persönlich nie solche Erfahrungen gemacht und habe nur mit reflektierten, selbstkritischen, toleranten, offenen und unaufdringlichen Leuten zu tun. (Jedenfalls empfinde ich das so und hoffe, dass das auch bei Nicht-Christen so gesehen wird).
      Aber darum interessiere mich solche Beispiele natürlich trotzdem. Würde mich also dem Wunsch nach Erfahrungsberichten anschließen.

  • Ein sehr interessantes Thema. Ich hab mir die Doku jetzt nicht angesehen, aber ich hatte da vor Kurzem noch ein sehr interessantes Gespräch mit einem Bekannten drüber. Mit einer Behinderung kann man zB laut Kirchenrecht auch keine Ausbildung zum Diakon machen. Wenn man mal drüber nachdenkt, ist das eigentlich eine ziemliche Frechheit, dass die Kirche immernoch Menschen diskriminieren kann, obwohl es in Deutschland schon Gesetze dagegen gibt.
    Auf jeden Fall sehe ich da noch sehr viel Handlungsbedarf.

    Liebe Grüße,
    Charly 🙂

  • Hm, ich kann mir vom Handy die Doku leider nicht ansehen, das Laden würde zu lange dauern. Daher halt ich mich erstmal raus aus der Diskussion zu kirchlichen Einrichtungen. 😉

    Zu deinem vegan-Vergleich würd ich aber gern was sagen: Den finde ich ein bisschen gewagt und ein bisschen fehl am Platz. Aber das ist eben meine Meinung aus christlicher Sicht. Mir bedeutet mein Glaube viel, es gibt mir einfach Halt im Leben, dass ich weiß, dass es da etwas gibt, worauf ich mich immer verlassen kann, wohin ich immer „gehen“ kann. (gehen im übertragenen Sinne, damit meine ich jetzt nicht das Kirchengebäude oder so).
    So etwas kann man ja wohl kaum über eine Ernährungsweise sagen, oder? Oder hab ich deinen Vergleich falsch verstanden?

    Und nebenbei: Ich bin katholisch getauft und als Teenie aus eigenem Wunsch heraus einer evangelisch-lutherischen Gemeinde beigetreten. Mein Glaube ist etwas ganz persönliches, was sich immer weiterentwickelt. Etwas, was mir wichtig ist und ein Teil meines Lebens ist. Meinen Glauben trenne ich aber ganz bewusst von der Institution Kirche. Da finden durchaus Dinge statt, hinter denen ich nicht stehe….

    Interessante Diskussion, bin auf weitere Meinungen gespannt 🙂

    Liebe Grüße!

    • Du hast den Vergleich ein bisschen falsch verstanden. Gewagt ist er ja, aber er bezieht sich nur auf den Punkt „andere bekehren“. Ich setze Ernährung nicht mit Glauben gleich. Aber die Menschen die versuchen mir ein schlechtes Gewissen zu machen weil ich kein Veganer bin mit den Menschen, die versuchen mich als minderwertig abzutun weil ich kein Kirchenmitglied bin. Da ist eine starke Parallele zu erkennen meiner Meinung nach.

    • @Ani: mir gehts da ein bisschen wie dir: ich fand den vegan vergleich beim ersten Lesen auch nicht ganz passend. Aber ich denke, Lexa meint das anders (hat sie jetzt ja auch erklärt^^).

      Danke übrigens, dass du mich verlinkt hast ♥
      Ich hoffe, dass meine Posts zu dem Thema nicht zu viel in die „aufdringliche Missionsrichtung“ gingen. Ich stehe halt zu meinem Glauben und erzähle auch gerne darüber (weil es eben zu mir gehört) aber ich will damit niemanden nerven – oder gar ein schlechtes Gewissen machen. Das wäre auch das Verkehrteste ever!

    • Achso, okay, verstehe! 🙂 Dann ist ja alles klar.
      Zum „Bekehren“ kann ich eher nichts sagen, ist mir so noch nicht unterkommen, weder von Christen noch von Veganern. Also nciht in dem Ausmaß, dass man es „bekehren“ nennen müsste.

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