Geschichte

Fürchte dich nicht. Sterben tust du sowieso!

ClueWriting

Mein Beitrag zur Clue-Writing-Blogparade.

Setting: Salon

Clues: Paranoia, Interesse, Tablett, Würfel, Gallenstein

Was ist Clue Writing?


Fürchte dich nicht. Sterben tust du sowieso!

Es war unglaublich! Eine Frechheit. So viel Dreistigkeit hatte sie schon lange nicht mehr erlebt. Wie konnte diese Schnepfe es wagen?! Wie konnte sie nur darauf hereinfallen? Warum hatte sie die Angaben nicht überprüft? Aber es war ja klar, dass ausgerechnet ihr so etwas passierte. Das Universum hatte es auf sie abgesehen. Es war sauer, weil sie sich nicht fügte. Weil sie ihr Schicksal nicht akzeptierte. Es kam einfach nicht in Frage, dass sie diesen Mann mochte. Egal, ob er perfekt für sie war und ihr immer wieder über den Weg lief. Es war auch nicht wichtig, dass er einfach umwerfend aussah. Er verstand sich mit ihrer Mutter. Das ging nicht. Das war schlimmer als jede Charakterschwäche. Sie konnte doch nicht mit einem Mann zusammen sein, der ihre Mutter mochte. Und ihre Mutter mochte ihn. Außerdem war er Bestatter. Bestatter! Sie wusste nicht, was schlimmer war.

Sie konnte, nein, sie wollte nicht akzeptieren, dass er der Richtige für sie sein sollte. So ein Quatsch. Hirnrissiger Blödsinn. Das ihr Herz schneller schlug bei seinem Anblick war bestimmt nur eine Nebenwirkung der Medikamente. Eine andere Erklärung gab es nicht. Sein Interesse an ihr war sicherlich auch nicht echt. Was konnte er schon von ihr wollen, außer ihr Geld? Wie sagte ihr Onkel immer so schön: „Nur, weil du an Paranoia leidest, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“ Wie Recht er hatte. Das sie jetzt hier war, war doch der beste Beweis.

Sie war in Salon, verdammt noch mal! Einem winzigen Kaff zwei Stunden Autofahrt von Paris entfernt. Von wegen: „Ich habe da ein super Angebot für sie. Ein charmanter Ort, ganz nah an Paris. Sie werden gar nicht merken, dass sie nicht direkt in der Stadt wohnen, so wird sie Salon verzaubern.“ Diese hirnamputierte durchtriebene Idioten im Reisebüro. Wenn sie hier Empfang hätte würde sie ihr am Telefon aber die Leviten lesen.

Nicht mal einen Arzt gab es hier. Keine Apotheke. Das nächste Krankenhaus war 60 Kilometer entfernt. 60 Kilometer! Ein Wunder, dass hier überhaupt wer überlebte. Wer würde sie behandeln, wenn ihre Gallensteine sich wieder bemerkbar machten? Oder wenn sie einen allergischen Schock bekam? Wer wusste schon, was die Franzosen in ihr Essen taten. Sie wollte doch nur nach Paris. In eine Großstadt. Mit einer entsprechenden Ärztedichte. Mit internationalen Restaurants und Kellnern, die ihr Getränk auf einem Tablett servierten. Das Wasser, das vor ihr stand konnte sie nicht trinken. Die Bedienung hatte das Glas am Rand angefasst. Sie hatte es genau gesehen. Was da für Keime und Bakterien drauf sein würden. Da könnte sie sich auch gleich vergiften.

Ob es hier einen Supermarkt gab? Sie brauchte Wasser in Flaschen und eingeschweißte Nahrung um hier zu überleben. Dieses Gasthaus schlachtete noch selbst! Von Hygienestandards hatten die bestimmt noch nichts gehört. Und wenn, dann wurden sie nicht eingehalten. Es gab hier Federkissen und -decken. Wie rückschrittlich manche Menschen doch lebten.

Sie sollte gleich wieder abreisen. Aber das Zimmer war bezahlt. Sie war nicht so reich geworden, indem sie ihr Geld zum Fenster raus warf. Da hätte sie sich ja genau so gut zu der Gruppe von würfelnden alten Männern in der Ecke setzen können. Mal abgesehen davon, dass sie gar nicht wissen wollte, welche ansteckenden Krankheiten die hatten, würde sie niemals mit Würfeln um Geld spielen. Geld war vertrauenswürdig und berechenbar. Es war konstant. Egal, welche verrückten Ideen sich ihre Mutter wieder einfallen lassen würde um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, sie wusste, mit ihrem Geld konnte sie jemanden bezahlen sich darum zu kümmern. Egal, welche Krankheit sie hatte, mit Geld konnte sie den Spezialisten bezahlen um sie zu heilen. Und auf mehr kam es im Leben nicht an: Ihre Mutter von ihr fernhalten und gesund bleiben.

Fern war ihre Mutter hier von ihr. Soweit war alles gut. Das war es aber auch schon. Die Situation war schrecklich. Allein in einem Dorf in Frankreich. Was hatte sie nur auf die Idee gebracht ihr sicheres Zuhause zu verlassen? Warum hatte sie auf ihren Psychiater gehört, als der meinte sie bräuchte einfach mal ein bisschen Urlaub. Möglichst weit weg von zu Hause. So ein Blödsinn nach Europa zu fliegen. Allein der Flug war schon grässlich. Elf Stunden in diesem Metallsarg eingesperrt. Klar, die Annehmlichkeiten der ersten Klasse waren nicht schlecht, aber sie hatte die ganze Zeit an Thomas denken müssen. Was war er auch Bestatter. Was für ein Beruf. Wie unhygienisch, diese ganzen Leichen. Ob man sich im Sarg auch so vorkam wie in der Schlafkabine? So eingeengt und bedrängt?

Schlimmer waren nur noch die Toiletten im Flugzeug. Als sie die gesehen hatte, hatte sie lieber beschlossen nichts zu trinken um sie nicht benutzen zu müssen. Also wirklich, sich eine Toilette mit so vielen Menschen teilen zu müssen. Eine Zumutung. Sie hatte erwartet, dass es in der ersten Klasse wenigstens eine extra Toilette geben würde. Vielleicht sollte sie sich doch ein Privatflugzeug zulegen. Wenn sie noch einmal verreisen wollte, wurde es dafür wohl zeit. Aber erst musste sie den Rückflug überleben. Und vorher diesen „Urlaub“. Naja, wenigstens würde es keine Probleme geben abzunehmen. Essen konnte sie hier sowieso nichts.

Langsam meldete sich ihr Körper. Sie hatte nun seit 16 Stunden nichts mehr getrunken und gegessen. Einen Supermarkt würde es hier wohl geben. So klein konnte dieses Dorf doch gar nicht sein. Und vielleicht wurde es ja doch gar nicht so schlimm. Eine Woche Fasten wollte sie schon lange mal. Ihren Körper reinigen. Ihre Medikamente hatte sie ja dabei. Und vielleicht gab es hier irgendwo ja sogar synthetische Decken und Kopfkissen. Dann konnte sie auch beruhigt schlafen.

Immer positiv denken. Sie würde sich ihren ersten Urlaub seit fünf Jahren nicht von der Reisebürotante verderben lassen. An ihre Mutter würde sie auch nicht denken. Und an Thomas schon gar nicht! Gut, dass sie ihren EBook-Reader frisch bestückt hatte. An der Wand neben dem Kamin stand zwar ein Bücherregal zur freien Bedienung, aber das kam nicht in Frage. Wer wusste schon, welche Krankheiten die vorherigen Leser hatten?

Sie stand auf um einen Supermarkt zu suchen und ihren Urlaub zu beginnen. Das Auftreffen ihres Kopfes auf dem Holzfußboden bemerkte sie nicht mehr. Schlaganfall auf Grund einer Hirnembolie stand auf dem Totenschein. Ihre Angst vor Krankheiten hatte sie umgebracht.

 

7 Kommentare

  • Halli Hallo Lexa
    und vielen lieben Dank für deinen Beitrag für unsere kleine aber feine Blogparade.

    Deine Geschichte ist nun wirklich mal etwas anderes und ich finde es genial, dass du das Setting komplett neu interpretiert hast.
    Besonders gut gelungen ist dir die Synergie zwischen Stil und Inhalt – Man hat regelrecht das Gefühl, man würde selbst in die Gedankenspirale deiner Protagonistin geraten. Ein bisschen ertappt kommt man sich auch vor, denn irgendwie sind wir alle ein klein wenig paranoid 😉

    Vielen Dank nochmal fürs Mitmachen, wir freuen uns sehr, dass wir deinen Text bei unserer ersten Parade einreihen dürfen.

    Mit lieben Grüssen und den besten Wünschen
    Deine Clue Writer
    Rahel

    • Hallo,

      da bin ich ja erleichtert, dass die erzielte Absicht anscheinend auch wirklich ankommt. Ich weiß immer nicht ob ich es geschafft habe rüber zu bringen was ich will, bis Kommentare wie dieser kommen. Danke.

      Es hat Spaß gemacht mitzumachen, ich bin beim nächsten Mal gerne wieder dabei.

  • Hey Lexa,
    ich finds immer etwas schwer, direkt zu Kurzgeschichten was geistreiches zu hinterlassen. Aber ich wollte trotzdem mal loswerden, dass ich mich freue, mal wieder eine Geschichte bei dir zu lesen.

    • Da freue ich mich umso mehr, dass du kommentierst 🙂
      Und da dir nicht sofort die Kritik aus den Fingern sprudelt, kann es so schlimm ja nicht gewesen sein 😉

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