Geschichte

Einsamkeit heilt? Von wegen!

In Büchern und Filmen klang das immer so wildromantisch: Enttäuschte Frau sucht die Einsamkeit, starrt stundenlang aufs Meer und kommt erleuchtet wieder nach Hause. Löst alle ihre Probleme und lebt glücklich weiter.

Von wegen! Eine reine Hollywoodlüge. Von Menschen geschrieben, wahrscheinlich Männern, die noch nie im Winter stundenlang aufs Meer gestarrt hatten. Wie sollte man über seine Probleme nachdenken, wenn die Füße langsam zu Eiszapfen wurden, die Unterarme feucht waren, weil man sich auf das Geländer gestützt hatte und die blöde Wolljacke sich erst unmerklich und dann sehr merklich voll gesogen hatte und einem dauernd irgendein wildfremder Köter um die Beine sprang während die Besitzer einem vom Strand aus zubrüllten: „Keine Sorge, der will nur spielen!“? Ja, wie bitte?

Kein Stückchen war sie der Lösung ihres Problemes näher. Robert blieb und war ein Arschloch, egal, wie lange sie hier rumstand und aufs Meer starrte. Daran änderte auch die romantische Kulisse nichts. Es würde sie kein Prinz auf einem weißem Pferd abholen und in ihr Traumschloss bringen. Mal abgesehen davon, dass sie Pferde sowieso nicht leiden konnte und ihr ein beheiztes Auto momentan tausend mal lieber gewesen wäre.

Vielleicht sollte sie ein Stückchen am Strand spazieren gehen, damit ihre Gliedmaßen wieder auftauten. Vielleicht funktionierte ihr Gehirn dann auch wieder besser. Sie war doch eigentlich nicht doof, es musste doch eine Lösung für das Problem namens Robert geben.

Der besaß doch tatsächlich die Dreistigkeit und gab ihr die Schuld daran, dass er fremdging. Weil sie keine Zeit für ihn hätte und sich immer nur um den Laden kümmern würde. Der Laden finanzierte ihr Leben. Ohne ihre Arbeit, könnte er sich seine Solariumsbesuche nicht so oft leisten. Vor allem hätte er keine Zeit dazu, weil er arbeiten müsste. Aber nein, der feiner Herr beschwerte sich lieber, dass sie keine Zeit hätte und lachte sich eine Geliebte an. 10 Jahre jünger, blond und mit falschen Brüsten. Wie so ein wandelndes Klischee. Wahrscheinlich hieß sie auch noch Candy oder Chantal oder irgendein anderer billiger Name mit C. Soviel wusste sie zumindest. „Für C. von Robert“, stand auf der Karte, die sie in den Blumenstrauß stecken wollte, bevor sie die Bankverbindung auf der Rechnung sah und feststellte, dass ihr eigener Mann übers Internet einen Strauß für eine fremde Frau in ihrem Laden bestellte.

War er dumm oder besonders klug? War das Absicht gewesen, oder hatte er wirklich nicht daran gedacht, dass sie die Kontonummer erkennen würde?

Sie hatte sich alle Mühe gegeben ruhig zu bleiben, als sie in zur Rede stellte. Robert liebte Streit. Streit war für ihn Leidenschaft. Der Sex mit ihm war am Besten, wenn sie sich vorher stritten. Aber sie konnte nicht ruhig bleiben, sie musste ihn einfach anschreien. Und wurde noch wütender, als sie bemerkte, wie sehr ihm das gefiel. Wie konnte sie mit diesem Mann eigentlich schon 5 Jahre verheiratet sein? Warum hatte sie nicht vorher gemerkt, wie merkwürdig das war?

Glücklicherweise kam Jens dann mit den neuen Brautsträußen und hatte sie gerettet. Hatte dafür gesorgt, dass sie freundlich sein konnte und Robert so die Luft aus den Segeln nahm. Seit 10 Jahren belieferte er ihren Laden und mehr als Smalltalk hatten sie noch nie miteinander geredet. Sie hatte bemerkt, wie irritiert er durch Robert war und wie gerne er nach Roberts Abgang fragen wollte, was er da miterlebt hatte.

Aber er hatte es nicht getan. Er hatte sich zusammen gerissen.

So einen Mann brauchte sie an ihrer Seite. Einen Mann, der Streit nicht liebte und wusste, wann es besser war nichts zu sagen. Keinen wie Robert, der gerne stritt und schlechte Laune bekam, wenn es keinen Streit kam.

Oder gar keinen Mann, dann wäre ihr Leben bestimmt sehr friedlich. Allein, aber nicht einsam. Das wollte sie in Zukunft sein.


616 Wörter. Der „dritte Teil“ der Geschichte um Emma, Robert und Jens. Eins und zwei sind, genau wie diese Geschichte, als Teil der Aktion Ideenbild entstanden. Dieser hier zum Dezember-Bild.

2 Kommentare

    • Danke 🙂

      Hmm, ich bin mir mal wieder nicht sicher, ob ich die Geschichte weiter schreibe oder nicht doch lieber was anderes beginne. Theoretisch würde das Januar-Bild ja passen, aber nur zu Emmas-Sicht… und eigentlich wäre jetzt ja wieder Jens dran mit erzählen 😉

      Naja, ich werde mir was überlegen. Und da du hier mitliest, wirst du es erfahren.

      LG Lexa

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